|
||||||||
|
|
Home | Hören | Lautsprecher | ME Geithain | ME RL 901 | |||||||
|
Generationen von Lautsprecherentwicklern hatten sich mit einer anscheinend unumstößlichen Tatsache abfinden müssen: Unter Praxisbedingungen ist die Abstrahlcharakteristik relativ leicht bei hohen, auch bei mittleren, aber ganz und gar nicht bei tiefen Frequenzen zu steuern. Steht doch in jedem Physikbuch, dass Wellenlängen im Meterbereich d.h. unterhalb von 300 Hz es elegant verstehen, sich um Hindernisse zu beugen, die kleiner sind als sie. So entziehen sie sich allen Maßnahmen zur Beeinflussung der Richtwirkung, wie sie z.B. bei Hypernierenmikrofonen durch geschicktes Erzeugen von Laufzeiten und Phasenaus-löschungen durchaus üblich sind zwar oberhalb von Tieftonregionen, aber mit überzeugender Wirkung. Dass langwellige Energie ebenfalls kontrollierbar wird, wenn man den (Phasen)-"Dreh" heraus hat, zeigt der Monitor-lautsprecher RL901K von Musikelectronic Geithain (ME-Geithain). Die Box mit den Abmessungen (Bild) 550 mm x 500 mm x 430 mm (H x B x T) weist ausgeprägte Nierencharakteristik auf, die unterhalb von etwa 300 Hz bis ca. 30 Hz wirksam ist. Das Freifeld-Diagramm verdeutlicht, wie stark die in die "falsche" Richtung abgestrahlte Tieftonenergie unterdrückt wird. Der Abfall bei 80 Hz beträgt immerhin mindestens 8 dB in einem rückwärtigen Winkelbereich von 130 Grad und mehr als 10 dB in Segment +/- 45 Grad um die hintere Mittelachse.
Wie die Richtcharakteristik zustande kommt und welche Konsequenzen dies für Regieräume hat, darüber sprach Dipl.-Ing. Dieter Thomson mit Jochen Kiesler, Inhaber und Chefentwickler von MEGeithain. Die in der Nähe von Leipzig angesiedelte Firma war schon in Vor-Wende-Zeiten bekannt für die Fertigung von Regielautsprechern in der typischen Koaxialanordnung der Hoch-Mitteltonchassis, die höchsten professionellen Ansprüchen genügen. Ohne große PR-Aktivitäten beginnt man jetzt außerdem, sich einen der vorderen Ränge im High-End-Consumersegment zu erobern. Produktion Partner: Herr Kiesler, wie bringt man Wellenlängen im Meterbereich dazu, sich gegeneinander auszulöschen, und das nicht bei wenigen diskreten Hertz, sondern innerhalb einer 1:10 Bandbreite? Immerhin sprechen wir von Wellenlängen, die sich zwischen 1 und 10 Metern bewegen.
J. K.: So könnte man es auch formulieren. Wir verwenden dafür eine Kombination aus mehreren Materialien, auf deren Zusammensetzung ich hier nicht eingehen möchte. Die Box RL901K hat zwei Kammern, die mit diesen Strömungswiderständen rückwärts nach außen abgeschlossen werden. Die Flächen entsprechen der Membranfläche des Tieftöners, und wenn man die geeignete Zusammensetzung wählt, funktioniert das bis hinunter zu 30 Hz. PP: Wieso ist da noch niemand eher drauf gekommen? J. K.: Nun, irgend welchen Ansätzen hat es nicht gefehlt. Manche Konstruktionen verwendeten zwei einander entgegengesetzte Tieftonchassis – an sich eine plausible Idee. Aber in der Praxis braucht man dann für jede Box zwei möglichst hochwertige Tieftontreiber mit ihren Verstärkern und die passenden Gehäuse. Daher wurde daraus nie etwas kommerziell brauchbares. Wir haben dagegen aus unseren Beschallungsprojekten einige Erfahrung mit der Konstruktion von Boxen, die bis etwa 100 Hz nierenförmig abstrahlen. Eines Tages fragten wir uns, warum das Prinzip nicht auf noch tieffrequentere Bereiche auszudehnen ist, obwohl es keine theoretischen Grundlagen dazu gibt. PP: Verzögerung heißt doch eigentlich, das sich die Schallgeschwindigkeit im Akustikglied verringert. Ist dem wirklich so? J. K.: Ja. Sie reduziert sich von den üblichen 330 m/s auf etwa 310 bis 220 m/s. Das ist über den Umweg einer Phasenmessung zu ermitteln.
Der auf dem Chart erkennbare Einbruch zwischen 70 bis 100 Hz ist ganz typisch für eine Vielzahl von kleinen Abhörräumen, wie man sie heute findet. Wenn nun 10 dB weniger Schallpegel hinter dem Lautsprecher vorhanden sind, gibt es auch weniger Überlagerungseffekte bei der Ausbildung der Moden. Das führt zu geringerer Welligkeit beim Verlauf des Betriebsschallpegels, wie an der Kurve ‚Niere' zu sehen. Aber ich betone nochmals, dass die angegebenen Kurven für einen bestimmten Raum gelten. Ganz anders ist das bei der Aufnahme der Richtwirkung. Die haben wir im Freifeld gemessen, mit dem Meßmikrofon in der Normalhöhe von 1,40 m, so das die Bodenreflexionen mit einbezogen werden. Auch diese beeinflussen ja die nach hinten sozusagen ”per Übersprechen” geleitete Energie. Wird diese nicht erfasst, wäre die Messung unrealistisch. Ganz nebenbei: Nicht einmal im schalltoten Raum erreicht man die nötige Genauigkeit, weil schon der Abstand von den Dämmkeilen zu Verfälschungen führt. PP: Kann man davon ausgehen, dass es für den RL901K eine ideale, sozusagen vorbestimmte Raumposition gibt? J. K.: Nein, nur eine Optimierung durch Positionsänderungen ist möglich. Ich kann auch nur vor Simulationsprogrammen warnen, von denen man nach Eingabe einiger Daten wie Flächen und Chassis-spezifikationen verläßliche Aussagen über die Wiedergabe in einem Raum erwartet. Daneben halte ich digitale Entzerrungen gleichfalls nur für bedingt einsetzbar. Selektive Einbrüche in der Übertragungs-funktion am Abhörpunkt lassen sich auch mit dieser Technik nicht schadensfrei beseitigen. PP: Wenn ein Aktivlautsprecher eine bestimmte Leistung abstrahlt, wird diese nun wegen der Auslöschung weniger? J. K.: Hier sollte man keinen Denkfehler machen; die akustisch wirksame Leistung im Gesamtraum bleibt unverändert. PP: Bisher ist sowohl der RL901 als auch der RL901K im Programm. Wird zukünftig nur die K-Version angeboten? Lassen sich vorhandene Nicht-K-Ausführungen modifizieren und sind auch andere ME-Geithain-Modelle umrüstbar? J. K.: Der 901 bot sich wegen seiner günstigen Innenkonstruktion zum Umbau in den K-Typ an, weil Platz für die beiden Strömungswiderstände und die rückwärtigen Ausschnitte vorhanden ist. Alle anderen Gehäuse erfordern eine Neukonstruktion. Sinn macht die Modifikation ohnehin nur bei Aktivlautsprechern. PP: Abschließend gefragt, welchen klanglichen Unterschied bringt die Nierenabstrahlung in der Praxis? J. K.: Es entsteht ein ausgewogeneres Bassklangbild, falls es bei kugelförmiger Abstrahlcharakteristik zu Einbrüchen im Übertragungsverlauf gekommen ist. Außerdem lässt sich die räumliche Aufstellung eines Lautsprechers für einen bestimmten Punkt und für ein definiertes Frequenzband in den Tiefen leichter optimieren. Bei gering gedämpften Eigenmoden im Raum reduziert sich die aufstellungsbedingte Anregung und somit die Nachklingzeit. Das soll aber nicht heißen, dass man der akustischen Gestaltung eines Raumes nun keine oder lediglich geringere Aufmerksamkeit mehr schenkt; auch hier wirken sich geeignete Maßnahmen in der Verbesserung der Über-Alles-Wiedergabequalität aus. Zudem muss eines festgehalten werden: Erst ist immer der Raum da, und vom später aufgestellten Lautsprecher erwartet man, dass er seine Dienste mit hoher Qualität tut. Die gegenseitigen Abhängigkeiten von Lautsprecher und Raum zu beherrschen, das kann der Nierenstrahler schon ein gutes Stück vereinfachen.
ME Geithain ME RL 901 | Moden-Schau Ein beliebiger Raum stellt in seinem akustischen Eigenleben für sich allein betrachtet schon ein komplexes Gebilde dar – dies tritt meist erst dann zu Tage, wenn Lautsprecher darin ihre Aufgabe erfüllen sollen, nämlich ein beliebiges Klanggeschehen weitgehend unparteiisch zu reproduzieren. Oft fällt das Resultat enttäuschend aus – dies umso mehr, wenn man nach vielen Parametern optimierte professionelle Produkte einsetzt, an die entsprechend hohe Erwartungen geknüpft werden.
Dieter Thomsen
Quellen
|
||||||||