ME-Geithain „ein alter Hörbericht aus der ARS über die RL906“

Geithain -Made in Germany

Seit einiger Zeit mehren sich in der HiFi-Fachpresse
die Berichte über die Aktivboxen eines schon
auf den ersten Blick etwas ungewöhnlichen Lautsprecherherstellers
aus Deutschen Landen. Ungewöhnlich nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Produkte… nicht nur,
weil man hier außergewöhnliche Meßbedingungen geschaffen hat, einschließlich
des größten schalltoten Raums weit und breit… und auch nicht nur, weil dieser Hersteller
sämtliche klangrelevanten Teile seiner Lautsprecher, einschließlich Membranen, Magneten und
Schwingspulen sowie die Aktivelektronik im eigenen Hause fertigt. Die auffälligste
Ungewöhnlichkeit von Geithain Musikelectronic ist, daß dieser Betrieb in der DDR entstanden
und großgeworden ist.

Wer jetzt an notdürftig zusammengeschusterte Einheitsware à la Trabant denkt,
der überlege sich, wie es Musikelectronic Geithain wohl gelungen sein könnte, in den paar Jahren seit
der sogenannten “Wende” Anstalten wie den Bayerischen Rundfunk,
DSR Schweizer Radio Bern, den Hessischen Rundfunk,
den NDR (im Hörfunk- und Fernsehbereich), RTL, Radio Bremen,
Radio Mecklenburg-Vorpommern, SAT 1, den Saarländischen Rundfunk,
den Sender Freies Berlin, Studio Hamburg, die Musikhochschulen Leipzig und Detmold,
die Polygram Hannover, die Sony Classical et cetera et cetera mit Abhörlautsprechern
auszurüsten. Die Antwort ist so einfach wie einleuchtend: Ein Geithain-Lautsprecher hat mit dem Trabbi
etwa soviel gemein wie ars! Single-Malt mit Racke Rauchzart.

Die Produktpalette von ME Geithain beginnt beim MO 1, einem Aktivlautsprecher von der Größe eines
“Multimedia-Speakers” aus dem Computerladen an der Ecke. Der Einsatzbereich dürfte auch
etwa der gleiche sein: Der MO1 scheint ideal als Schallwandler an Bildschirmarbeitsplätzen mit
sehr kleinem Hörabstand, allerdings mit einer ungleich höheren Qualität, die auch anspruchsvolle
Audiobewertung, etwa beim professionellen Mischen von Musikprogrammen, zuläßt. Dann folgt die RL-Reihe,
bestehend aus der RL 906 und der RL 904 (Zweiwege Koaxial), sowie der RL 903 und der RL 901
(jeweils Dreiwege Koaxial). Dann sind da noch der Subwoofer Basis 1 und die für jeden der
Full-Range-Speaker speziell ausgefuchsten, akustisch optimierten Gabelständer, die perfekten Stand
bieten und eine stufenlose Einstellung des Neigungswinkels erlauben. Der Gag an der RL-Modellreihe:
Alle Lautsprecher haben die gleiche klangliche Abstimmung! So ist zum einen die klangliche
Kompatibilität von verschiedenen Studios möglich, zum anderen wird dies aber auch ganz besonders
den Besitzer der kleinen RL 906 erfreuen, genießt er doch denselben hochamtlichen Sound,
den auch die pro Paar immerhin knapp 12000 € teure RL 901 K hervorbringt. Immer vorausgesetzt
natürlich, daß sein Hörraum nicht die Größe von Schloß
Wotersen hat.

Ein Wort zum Einsatzbereich: Die Arbeit des Toningenieurs ist dadurch gekennzeichnet,
daß dieser zum einen auf seinem fest definierten Arbeitsplatz sitzt, von dem er sich während
der Arbeit nicht entfernt, und daß er zum anderen dem Programm aufmerksam zuhört und es bewertet.
Er muß entscheiden, ob es gut ist oder schlecht, und eventuell etwas daran ändern, um es zu verbessern.
Unter den Musikhörern gibt es viele, die nicht zuhören, sich nicht eigentlich für das Programm
interessieren, sondern Musik vor allem benutzen, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Solche
Hörer wollen in der Regel auch in verschiedenen Positionen hören und heben sich also deutlich
ab von dem Toningenieur und seinen Lautsprecheranforderungen. Sollten Sie zu dieser Hörergruppe
gehören, haben Sie Glück: Der Fachhandel hält seit Jahrzehnten eine große Auswahl
an Lautsprechern für Sie bereit, und wahrscheinlich haben Sie Ihre Traumbox längst im Wohnzimmer
stehen. Sie brauchen hier auch nicht weiterzulesen. Wenn Sie aber zu der kleinen Gruppe von
Hörern zählen, die so hören, wie es eben für den Toningenieur beschrieben wurde,
dann könnte die Idee von Claus Bücher Sie begeistern: Hervorragende Studiomonitore von
Geithain Musikelectronic im sogenannten “HiFi-Bereich”, also im privaten Wohnbereich,
zum Musikhören einzusetzen.

Geithain Räume 021

Bei dem Testpaar RL 906, das Geithain-Vertriebschef Bücher mir freundlicherweise zur Verfügung
gestellt hat, fiel mir nach dem Aufbau der Gabelständer (für den ich ein Weilchen brauchte – es war
eine Sammlung von MDF-Platten, Vierkantrohren und Verbindungsteilen ohne Aufbauanleitung) sofort die
unkomplizierte Positionierung der Monitore auf – ich habe sie nur hingestellt, angeschlossen,
eingeschaltet, und sie spielten auf Anhieb über den ganzen Hörbereich überzeugend.
Was hatte ich mit Lautsprechern nicht schon rumfuchsen müssen: Abstand zur Rückwand, Abstand zur
Seitenwand, Parallelität mit der Rückwand, Abstand der Boxen zueinander, all dies mußte in
langen Hörsitzungen auf den Millimeter ausgetüftelt werden, bis der Sound so stand, wie ich es
im Laden erlebt hatte. Nicht so die RL 906. Sicher, natürlich, sie sollte schon symmetrisch mit dem
Hörer im gleichschenkligen Dreieck stehen, aber alles in allem scheint mir diese Box sehr
genügsam, was die Aufstellung angeht.

Den Sound der RL 906 möchte ich vor allem als schlank und sehr präzise beschreiben.
Sie wird dem gefallen, der Musik mehr liebt als HiFi – und das gilt übrigens nicht nur im klanglichen
Sinne, sondern auch was den Gerätepark im Wohnzimmer betrifft. Da alle Geithain-Lautsprecher in aktiver
Ausführung geliefert werden, braucht man keinen externen Verstärker mehr. Ein CD-Player mit
Lautstärkeregler, ein Paar RL 906 und ein paar Kabel bilden eine sehr charmante und kompakte Anlage,
die klanglich mit einer “Kompaktanlage” jedoch nicht allzu viel gemein hat. Ich will aber das Schwärmen
den Kollegen von der Fachpresse überlassen. Stattdessen der ernsthafte Tipp: Wer einen seriösen
Lautsprecher sucht, der sollte sich mal einen Geithain anhören. Und wer Spaß an Musik hat, von den
Fachsimpeleien der “HiFi-Freaks” aber schnell gelangweilt ist, der kann mit diesen Wandlern gut und gerne
sein blaues Wunder erleben.

Statt nun in den – durchaus gerechtfertigten – Jubelchor der Kollegen einzufallen, möchte
ich abschließend noch schnell die brennende Frage klären: Welches Interesse hatte der
Arbeiter- und Bauernstaat, respektive die “Bonzen” aus dem Zentralkomitee, an HighEnd Audiotechnologie?
Immerhin besteht Musikelectronic Geithain seit 1960, belieferte nicht nur den gesamten Osten mit
Beschallungsanlagen und elektronischen Kirchenorgeln, sondern auch den diesseits der Mauer wohlbekannten
Elektronikversender Conrad Electronic mit über 320.000 (in Worten dreihundertzwanzigtausend)
Lautsprecherboxen des Typs BR 25, die übrigens inzwischen horrende Gebrauchtpreise erzielen.
Das Devisengeschäft kann nicht der Motor gewesen sein, dafür war die BR 25 zu billig.
Warum also die Audio-Hochburg in Geithain? Die Antwort: Privatinitiative!

Der Kopf hinter ME Geithain heißt Joachim Kiesler, ist gelernter Rundfunk- und Fernsehmechaniker,
hatte genug unternehmerischen Geist und technischen
Sachverstand, um unter DDR-Bedingungen diesen Betrieb
aufzubauen und unter BRD-Bedingungen weiterzuführen. Er verfügt über ein solides
akustisch-physikalisches Wissen, die Gabe kreativ zu denken und neue Wege zu finden, ein gut ausgebildetes
Team, hervorragende Meßräume und -instrumente und ein gutes Gehör sowie musikalischen
Verstand. Für ihn steht all das ohne Weiteres im Einklang. Seine Welt fußt auf der guten alten
Physik, und damit ist die Schulphysik gemeint, nicht die “HiFi-Physik” oder die “Marketing-Physik”.
In Geithain kommt man ohne CD-Demagnetisierer aus. Die Vorteile von Spikes werden zwar anerkannt,
jedoch nur unter ganz bestimmten Raum- und Bodenbedingungen, die so selten sind, daß man die
Gabelständer der Geithain-Boxen lieber mit je vier Kunststoffüßen liefert, von denen
immer einer in der Höhe verstellbar ist. Und hieraus ergibt sich neben dem Klang ein weiterer
Grund, warum man Geithain-Lautsprecher wirklich mögen kann: Hier werden nicht wie anderswo so
viele wissenschaftlich zweifelhafte Argumente herangezogen. Stattdessen wendet man sich lieber
handfesten Themen zu. In ausgiebigen Händlerschulungen vor Ort in Geithain, auf einer derer
ich das Vergnügen hatte, anwesend sein zu können, wird zum Beispiel viel Augenmerk gelegt
auf die Optimierung der Raumakustik, die ja draußen in der wirklichen Welt
oft – sozusagen – den Single Malt zum Racke Rauchzart verkommen läßt.

Comments

  1. Hallo Herr Bast,

    zum Zeitpunkt des Berichtes gab es noch keine passiven Geithain Lautsprecher.

  2. Zitat:
    „Da alle Geithain-Lautsprecher in aktiver
    Ausführung geliefert werden“
    Nun ja, es gibt auch passive MEG´s, aber die aktiven haben auch in meinen Augen einen größeren Reiz 😉

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